13. Oktober 2026

Tag der Ostpreußen in Schwerin

Schwerin – Draußen an den Masten wehten einladend große Ostpreußen-Fahnen – und drinnen umarmten sich die Menschen: Zum 17. Landestreffen der Ostpreußen am  29. September 2012 waren fast 2.400 Besucher in die große Sport- und Kongresshalle nach Schwerin gekommen, mehr als je zuvor. Die Stadt war vor 16 Jahren bereits Gastgeberin der ersten landesweiten Veranstaltung, die im jährlichen Wechsel auch in Neubrandenburg und Rostock stattfindet. Die Organisatoren hatten zuvor ca. 70 Zeitungen angeschrieben und über 2.500 Einladungen verschickt. Zahlreiche Vorankündigungen waren auch in den Heimatbriefen der ostpreußischen Kreisgemeinschaften erschienen. Erfreulich war, dass der NDR die Veranstaltung filmte und am Abend einen Kurzbericht im Nordmagazin ausstrahlte. Für einen reibungslosen Ablauf sorgten 30 ehrenamtliche Helfer aus Anklam, Schwerin und Neubrandenburg. Viele Gäste reisten gruppenweise an – drei Busse kamen allein aus Anklam und Umgebung und je ein Bus aus Wismar, Oranienburg und Hamburg. Dicht an dicht reihten sich die Pkw auf den Parkplätzen, selbst Kennzeichen aus Leipzig, Augsburg, Stuttgart und Köln waren darunter. Die Teilnehmerlisten belegten, dass Ostpreußen aus allen 16 Bundesländern gekommen waren, über 400 davon zum ersten Mal.  HambSo füllte sich die große Halle bald bis zum letzten Platz. Trotz Maximalbestuhlung fanden Spätankömmlinge nur noch auf den Rängen eine Sitzgelegenheit. Ganz selbstverständlich steuerten die Besucher ihren Plätzen zu. Denn die Tische waren wieder mit anderthalb Meter großen selbstgefertigten Tafeln aller 40 ostpreußischen Heimatkreise ausgeschildert – von Memel bis Neidenburg, von Fischhausen bis Goldap. Die dazugehörigen Anwesenheitslisten lagen gleich daneben; so konnten sich die Landsleute anhand der Eintragungen leicht finden.

 Feierstunde

Zum Auftakt intonierte das Wehrbereichsmusikkorps Nr. 1 Neubrandenburg einen Festmarsch. Von den Landsleuten mit stehendem Applaus begrüßt, zogen die Fahnen aller ostpreußischen Heimatkreise in die Halle ein. Es sind zum Teil Geschenke der heutigen polnischen, russischen und litauischen Verwaltungen in Ostpreußen, welche die alten deutschen Wappen wieder verwenden. Sichtlich erfreut über den Rekordbesuch, eröffnete der Landesvorsitzende der Ostpreußen, Manfred Schukat, das Jubiläumstreffen zum 20-jährigen Bestehen der Landsmannschaft in Mecklenburg-Vorpommern und begrüßte alle Landsleute und Ehrengäste auf das herzlichste, darunter etliche Heimatkreisvertreter. Das geistliche Wort sprach Pfarrer Philip Kiril Prinz von Preußen aus Zehdenick, Ur-Urenkel des letzten deutschen Kaisers, über den treffenden Bibeltext: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). Der bedeutendste Heimatlose, Jesus Christus, hat durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen für uns den Weg in die himmlische Heimat, zu Gott gebahnt. Pfarrer Philip von Preußen sprach mit den Ostpreußen das Vaterunser und sang den Kanon „Meine Hoffnung und meine Freude“. Zum Totengedenken mit dem ergreifenden Gedicht von Agnes Miegel „Es war ein Land“ und dem Choral „Wohin soll ich mich wenden“ aus der Deutschen Messe von Franz Schubert erhoben sich die Teilnehmer und stimmten danach gemeinsam in das Ostpreußenlied ein. Es folgten die offiziellen Grußworte und Ansprachen der Ehrengäste: Justizministerin Uta-Maria Kuder, zugleich Schirmherrin und Förderin des Landestreffens, begrüßte es, dass die Erinnerung an die Heimat lebendig bleibt, denn sie ist ein Teil der deutschen Geschichte. Traditionen bewahren heißt nicht Asche, sondern die Glut weiterzugeben. Die Landesgruppe der Ostpreußen könne sich ihrer weiteren Unterstützung sicher sein. Dieses Treffen hat das Justizministerium M-V mit 10.000 Euro gefördert. Die versammelten Ostpreußen dankten es der Ministerin mit stürmischem Applaus. Sodann hieß der Schweriner Stadtpräsident Stephan Nolte die Ostpreußen mit freundlichen Worten in der Landeshauptstadt willkommen, während der Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Hacker versicherte, weiter die Belange der Vertriebenen zu vertreten.

Erstmals war der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Stephan Grigat, zum Landestreffen nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen. Sein Credo angesichts der überfüllten Halle: Ostpreußen lebt ! Auch wenn das Land als deutsche Provinz verloren ist, hat Ostpreußen eine Zukunft. Die Landsmannschaft selbst ist in der Heimat aktiv – sie unterstützt die deutschen Vereine in Ermland und Masuren sowie im Memelland, unterhält Verbindungsbüros in Allenstein und Memel und organisiert kommunalpolitische Kongresse mit polnischen, russischen und litauischen Verwaltungen. Nötig bleibt aber, Ostpreußen im Bewusstsein der Öffentlichkeit, besonders der Jugend, lebendig zu halten. Dazu soll auch das geplante Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin dienen. Mit einem Zitat von John F. Kennedy appellierte Stephan Grigat abschließend an die Landsleute: „Frage nicht, was Deutschland für Dich tut – frage, was Du für Ostpreußen tun kannst!“ Für seine Rede erhielt der Sprecher viel Beifall. Grüße direkt aus der Heimat überbrachten Magdalena Piklaps vom Verein der Deutschen im Memelland und Barbara Rużewicz vom Dachverband der deutschen Vereine in Ermland und Masuren. Beide gratulierten Manfred Schukat zum 20-jährigen Jubiläum der Ostpreußen-Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern, überreichten liebevoll gefertigte Andenken und luden herzlich zum Besuch der Heimat ein. Der Landesgeschäftsführer der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, Karsten Richter, zeichnete die Landesgruppe der Ostpreußen zum zweiten Mal mit der Anerkennungsplakette des Volksbundes in Gold aus, weil deren Reisegruppen auch in diesem Jahr wieder 15 Kriegsgräberstätten im Osten besuchten und die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge unterstützen. Alle Redner erhielten für ihre Ausführungen nicht nur den Applaus der versammelten Ostpreußen, sondern auch Original Königsberger Sekt. Die gemeinsam gesungene Nationalhymne beendete die Feierstunde. Das Wehrbereichsmusikkorps Nr. 1 stellte mit flotten Märschen und Polka-Weisen noch einmal sein exzellentes Können unter Beweis. Die Spendensammlung während dieses Benefizkonzertes erbrachte etwa 1.500 Euro zugunsten der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, die auch mit einem Informationsstand präsent war. Bei Nachforschungen konnten gleich sechs Soldatenschicksale für die Angehörigen aufgeklärt werden. Als der Startschuss zum Mittagessen folgte, hatte die Gastronomie der Halle ausreichend Portionen vorbereitet, die Ausgabe klappte zügig. Dicht umlagert wurden auch die Anklamer Verkaufsstände mit Heimatliteratur, Landkarten und Bärenfang, letzterer mit Rekordumsätzen von 4.500 Flaschen. Der Stand des Ostpreußenblattes (PAZ), ein Bernsteinverkauf und die Handarbeiten der Schweriner Ostpreußenfrauen vervollständigten das Angebot.

 

Ostpreußen hoch 3

Am Nachmittag gab es ein kulturelles Nonstop-Programm vom Feinsten: Den Reigen eröffnete der 50-köpfige Landchor Brüsewitz mit musikalischen Grüßen aus Mecklenburg. Anlässlich des Jubiläums waren 130 Mitwirkende aus allen drei Teilen Ostpreußens angereist. Aus dem Memelland kamen die Chöre „Heide“ aus Heydekrug (Šilutė), „Lied der Heimat“ aus Memel (Klaipėda) und die Musikgruppe des Hermann-Sudermann-Gymnasiums Memel extra nach Schwerin mit je zwei Tagen Hin- und Rückreise. Ihre deutschen, litauischen und ostpreußischen Volkslieder  und –tänze konnten sich hören bzw. sehen lassen und vermittelten heimatliche Atmosphäre. Aber auch die Chöre „Stimme der Heimat“ Lötzen und „Warmia“ Heilsberg hatten die weite Anreise aus Masuren und dem Ermland nicht gescheut, um in Schwerin dabei zu sein – sie gaben ihr Bestes und regten die Zuhörer zum Mitsingen und Schunkeln an. Zu den flotten Tänzen der Jugendgruppe „Tannen“ aus Osterode bildeten die Schülerinnen aus Memel spontan eine Polonaise durch den Saal – die Stimmung stieg. Inzwischen war auch der russische Kant-Chor Gumbinnen in der Schweriner Halle angekommen. Unter der Leitung von Tatjana Matwejewa boten die Sängerinnen und Sänger eine bunte Folge russischer und internationaler Volkslieder und geistlicher Choräle, aber auch deutsche und vor allem ostpreußische Volks- und Heimatlieder. Große Resonanz von seinen alten und neuen Fans erhielt ebenso Ostpreußen-Sänger Bernd Krutzinna alias BernStein aus Kiel, der den gesamten Nachmittag professionell und zügig moderierte. Auch der Shanty-Chor „De Klaashahns“ aus Rostock-Warnemünde trug mit seinem maritimen Programm sehr zum Gelingen des Treffens bei, manches Pärchen schwenkte dazu sogar das Tanzbein. Kaum einer wollte nach Hause gehen, die meisten Besucher waren bis zum Höhepunkt geblieben – dem „Großen Finale“, zu dem 180 Mitwirkende auf die Bühne gerufen wurden. Ministerialdirigent Ulrich Hojczyk vom Justizministerium M-V sprach der Landesgruppe der Ostpreußen seine Anerkennung aus, solch ein Programm auf die Beine zu stellen. Dann wurde mit gegenseitig gereichten Händen noch einmal das Ostpreußenlied angestimmt. Ehe die Busse abfuhren, dankte Manfred Schukat in seinem Schlusswort allen Landsleuten für ihr Kommen sowie den Helfern für ihren enormen Einsatz. Er lud die Ostpreußen ein zum 18. Landestreffen am 5. Oktober 2013 im Jahn-Sport-Forum Neubrandenburg. Im nächsten Jahr sind auch wieder zahlreiche Heimatfahrten geplant. So ging ein Tag zu Ende, der den Ostpreußen im Land viel zu geben hatte: Große Wiedersehensfreude war zu beobachten, Kontakte wurden geknüpft und Anregungen mit nach Hause genommen. Es war wohl das bisher schönste Landestreffen, und wer nicht dabei war, hat etwas versäumt. Das Echo einer Ostpreußin aus Neumünster brachte es auf den Punkt: „Mir ging das Herz auf!“

Friedhelm Schülke, Anklam

 

Foto 1 =     Übervolle Sport- und Kongresshalle Schwerin.

Foto 2 =     Barbara Rużewicz überreicht Manfred Schukat die Plakette des Dachverbandes in Ermland und Masuren.